Das Wir-Gefühl

Ein Fernsehabend mit dem üblichen öden Programm – Castingshows gegen Degeto-Produktionen in dritter Wiederholung. Eigentlich müßte der Daumen schon längst auf dem Abschalteknopf der Fernbedienung ruhen, aber dann gibt es doch noch wenigstens auf 3sat ein bißchen Urlaubsstimmung in einer Dokumentation über den italienischen Küstenort Forte dei Marmi.

Woher denn der Name stamme, fragt der Kommentator aus dem Off, um sich gleich selbst die Antwort zu geben, denn oberhalb des Ortes wird schon seit Jahrhunderten feinster Marmor aus dem Berg gebrochen, Rohstoff für Künstler wie Architekten gleichermaßen. Und als Vertreter der Steinmetze wird ein längst pensionierter alter Herr interviewt, der etwas zur Geschichte des Steinbruchs erzählen soll.

Und auf einmal bin ich hellwach: Da sagt dieser freundliche Herr doch ohne mit der Wimper zu zucken, Michelangelo (ja, genau der, der „Vater“ unter anderem des berühmten David), habe damals den Marmorflöz entdeckt, und „seitdem versorgten wir ihn und andere Künstler in aller Welt mit dem besten Ausgangsmaterial für ihre Arbeit“.

Einfach so stellt er sich in eine Reihe von Steinmetzen der letzten 450 Jahre an diesem Ort und beansprucht gleich für sie alle, daß nur durch ihre Arbeit die Kunst eines Michelangelo und vieler Anderer möglich gewesen sei.

Ist das eine Unverschämtheit oder gnadenlose Selbstüberschätzung?

Ich denke, Nein – ganz im Gegenteil beneide ich ihn um dieses wunderbare Wir-Gefühl. Was kann denn schöner sein, als wenn sich ein Mitarbeiter einer Firma so mit deren Produkt identifiziert, sich derart selbstverständlich (ohne daß ein Pressereferent ihm den Text vorgegeben hätte) für das Unternehmen mit-verantwortlich fühlt?

Ohne es genau zu wissen oder überprüft zu haben, möchte ich hier die Vermutung äußern, daß dieses Unternehmen nicht anhand von Profitabilitäts-KPIs zwecks Maximierung eines Shareholder-Values geführt wird. Dann würde man vermutlich auch nicht (wie in dem Film gezeigt) einen Teil des Marmors kostenfrei quasi als Stipendium zeitgenössischen Künstlern zur Verfügung stellen, sondern sich auf die Produktion teurer Waschtische verlegen, am besten in einem osteuropäischen Niedriglohnland.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, daß dieser „Spirit“ auch in dem Unternehmen, für das ich arbeite, einmal herrschte: Alle zogen am gleichen Strang, die Kundenzufriedenheit war das höchte Gut, der Stolz gemeinsam etwas für die Kunden erreicht zu haben (und dies besser als der Mitbewerb) war allgegenwärtig. Und dann ging es auf einmal nur noch um die Kostenreduzierung und -minimierung, um Effizienz- und Synergiegewinne, um Outsourcing und Offshoring – im Dienste des Shareholder-Values, und nicht des Kunden.

Die Mitarbeiter? Arbeiten jetzt für ein x-beliebiges Unternehmen, das schon lange nicht mehr „ihres“ ist.

Die Kunden? Kaufen dort, wo es am billigsten ist, denn die Wertewelt des Unternehmens, dessen Produkt sie kaufen, spielt schon lange keine Rolle mehr.

Und ich? Sitze vor dem Fernseher und beneide einen 70-jährigen italienischen Steinmetz um seinen Job.

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