Be-/Verwunderung

Wenn ich mir die aktuelle russische Außenpolitik ansehe (wofür ich keine anderen Quellen zur Verfügung habe als jeder andere) kann ich mich kaum entscheiden, ob ich eher Be- oder Verwunderung empfinden soll.

Auf der einen Seite sitzt ein ehemaliger ranghoher KGB-Offizier an den Schalthebeln der Macht, der von der Pike auf gelernt hat, den Gegner mit Desinformation in die Irre zu führen um skrupellos seine Ziele zu erreichen; auf der anderen Seite echauffiert sich der Westen jeden Tag aufs Neue, dass sich Russland nicht an Zusagen hält und offenbar seine eigene Agenda verfolgt.
Hallo? Jemand zuhause bei den Nachrichtendiensten? Oder sind die zu beschäftigt damit, ihre bisherigen Pleiten unter den Teppich zu kehren und uns gleichzeitig datentechnisch bis auf die Haut auszuziehen?

In diesem Schachspiel geht es doch ständig darum, den Gegner in die Irre zu führen oder in Sicherheit zu wiegen, um dann, während er abgelenkt oder unaufmerksam ist, einen entscheidenden Tempogewinn zu machen. Und das gelingt Herrn Putin jeden Tag aufs Neue, wie man neidlos (oder doch neidisch?) anerkennen muss. Geniale Schachzüge sieht man aktuell leider nur von ihm,

  • der schon mal einen Hilfskonvoi zum Grenzen brechen los schickt; wäre dieser tatsächlich angegriffen worden, hätte Putin seinen nächsten Freifahrtschein für eine Intervention gegen ein unmenschliches Regime gehabt
  • der am Verhandlungstisch markig die Konfliktparteien zur Einigung aufruft, wo er doch selbst mitverantwortlich für die größte Aggression ist
  • der den Begriff Neu-Russland verwendet, und danach seinen Sprecher losschickt, diesen wieder zu relativieren (als könne der Sprecher tatsächlich seinen Präsidenten korrigieren – wer glaubt denn sowas?)

Kann mal jemand Bobby Fischer reanimieren? Der hat wenigstens damals in Island dem sowjetischen Schachgroßmeister die Stirn geboten. Demgegenüber waren die Reaktionen des Westens auf den Einmarsch in Afghanistan (nach „Hilferuf“) oder die Annexion der Krim (oh, ebenfalls nach Hilferuf, was für ein Zufall) allenfalls auf dem Niveau von American Football. Der taktischen Finesse von Putin kann ich eigentlich nur Bewunderung zollen – auch wenn ich ihn abgrundtief verabscheue.
Vielleicht sollten wir alle sammeln, um unseren Politikern gleich welcher Muttersprache mal Ausgaben von „Vom Kriege“ von Clausewitz oder „Die Kunst des Krieges“ von Sunzi zu schenken.
Oder vielleicht reicht auch erstmal ein Schachbuch für Anfänger.

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